Ein Dach für Waisenkinder

So einen Auftrag hatten Julius Wich und Lukas Kemmer noch nie. „Es ist schon ein bisschen aufregend“, stellen die beiden frisch gebackenen Zimmerermeister fest. Auch ihr erfahrener Kollege Ivan Murnik hat bisher nie einen von Termiten zerfressenen Dachstuhl repariert. Schon gar nicht ehrenamtlich auf Sri Lanka. Doch genau das haben die drei Holzfachleute jetzt vor.

Am heutigen Mittwoch geht es los: Von Frankfurt aus fliegt das Trio nach Colombo. Dort holen Mitarbeiter des Waisenhauses „Dedunu Children Home Project“ die drei Männer aus Bütthard und Markt Einersheim ab und bringen sie nach Beruwela an der Westküste des Inselstaates. Das Kinderheim dort gibt bis zu 32 verwaisten Jungen eine Ersatzfamilie: Liebe, Geborgenheit, Essen, medizinische Hilfe und Zukunftschancen durch Bildung.

Aktuell ist jedoch ein Teil des Hauses nicht nutzbar: Termiten haben den Dachstuhl derart angefressen, dass ein Stück des Daches eingestürzt ist (wir berichteten).

Träger des Heims ist der Verein „Projekt Waisenhaus Sri Lanka e.V.“, den der Markt Einersheimer Werner Müller, seine Frau Nishanthi, eine Singhalesin, und Gleichgesinnte vor zwölf Jahren unter der Schirmherrschaft von Landrätin Tamara Bischof gegründet haben; damals hatte ein großer Tsunami weite Teile des Landes verwüstet und viele Kinder zu Waisen gemacht. „Dedunu“ steht im Singhalesischen für Hoffnung und Licht. Trotz mancher Probleme konnte der Verein Dutzenden Kindern bis heute eben das geben: Licht und Hoffnung.

Als die Müllers jedoch die Horrorbotschaft vom zerfressenen Dach erhielten, sah es plötzlich düster aus. Vor Ort machte ein Unternehmer einen Kostenvoranschlag von 50 000 Euro für die Reparatur. „Eine Wahnsinnssumme – woher sollen wir so viel Geld nehmen?“ Werner Müller kennt die Situation vor Ort und weiß, dass Geschäfte auf Sri Lanka anders laufen als in Deutschland. Gerade deshalb hoffte er, dass sich Fachleute finden, die von Deutschland aus auf die Insel im Süden Indiens reisen und dort den Schaden kostengünstig und dennoch fachmännisch beheben.

Als Julius Wich, der bei der Zimmerei Böhm in Markt Einersheim arbeitet, von der Not erfuhr, erzählte er Lukas Kemmer (Zimmerei Bachert, Bütthard) die Geschichte. Die beiden 24-Jährigen kennen sich seit langem und saßen in der Meisterschule nebeneinander. Vor wenigen Tagen haben beide ihre Zimmerermeister-Prüfung bestanden. Sie fanden, dass nun ein guter Zeitpunkt sei, um „mal was anderes“ zu erleben. Also beschlossen die jungen Meister, dem Waisenhaus-Verein zu helfen. „Wir wollen auf Sri Lanka neue Lebenserfahrung sammeln und zugleich was Gutes tun“, erklärt Julius Wich.

Wie auch sein 66-jähriger Kollege Ivan Murnik wird Julius Wich für vier Wochen von der Zimmerei Böhm freigestellt. Lukas Kemmer bekam von seinem Betrieb ebenso die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das Trio hat sich die Schadensbilder genau angeschaut, einen groben Reparaturplan erstellt und den Materialbedarf errechnet. Dass es vor Ort Überraschungen geben wird, ist dennoch wahrscheinlich. „Aber damit werden wir schon klar kommen.“

Eine Kreissäge und eine ElektroKettensäge nehmen die Männer im Flugzeug mit, ebenso wie viele Kleinigkeiten – von der Maurerschnur über ein metrisches Bandmaß bis hin zum Alphawinkel. „Zuerst werden wir das Dach abdecken, den alten Dachstuhl beseitigen, einen neuen aufrichten und dann das Dach wieder dicht machen“, schaut Julius Wich voraus. „Und diesmal wird behandeltes Holz verwendet, so dass die Termiten keine Chance mehr haben“, fügt Werner Müller hinzu. Der Vereinsvorsitzende ist sehr froh, dass sich die Zimmerer ehrenamtlich zur Verfügung gestellt haben. „Toll!“ Seine Frau Nishanthi, die den Männern Tipps für den Alltag auf Sri Lanka gegeben hat – etwa zum Umgang mit Moskitos und Waranen –, ergänzt: „Wir sind jetzt erleichtert!“

Eigentlich sollte die Reise schon früher starten, aber da Lukas Kemmer und Julius Wich erst die Schule beenden mussten, wurde es eben doch April – Regenzeit auf der Insel. „Da müssen wir jetzt durch“, sind sich die Zimmerer einig. Ein bisschen Abenteuerlust schlummert in jedem von ihnen. „Ich bin gespannt auf die Sitten, Gebräuche und auf die Arbeitsweise“, sagt Julius Wich.

Nachdem die Männer in einem Ferienhaus nahe des Kinderheims Quartier bezogen haben, wollen sie gleich loslegen. „Ich habe früher viel für SOS-Kinderdörfer gespendet“, erzählt Ivan Murnik. „Aber da geht ja immer ein Teil des Geldes für Verwaltung weg. Diesmal gibt es ganz direkte Hilfe – mit unserer Arbeitskraft.“

 

Quelle: www.mainpost.de